[ShortCuts]


Kakao


Von
Martin Krusche

ShortCut #8

Das Sofa war mit rauhem Stoff bezogen und mit ebensolchen Polstern, rauh, belegt, beladen, mit einem Wandbehang von altem, abgestoßenem Samt eingefaßt. Staub in den Stoffen, etwas Asche und der Geruch von teuren Zigaretten. Die Polster mit Düften behaftet und mit Spuren von Kakao. Sehr süßer Kakao, in Wasser aufgekocht, mit Schlagrahm und Cognac gesättigt.
Florian war für solche Getränke nicht zu haben. Er sprach seinen Namen gerne so aus als stünde ein h hinter dem o und er war tageweise in heller Aufregung über seinen Körper. Florian hatte den Vierziger hinter sich, wurde selbst vom Hungern schwerer und litt wie ein Märtyrer an seinem Begehren. Begehren nach Kakao mit Cognac. Nach dieser Frau, die älter war als er, schwerer als er, nach dem Mittagessen meist auf dem Sofa ruhend. Rauchend, während der Wein des Mittags noch in ihrem Schlund blühte. Und wenn sie geraucht hatte, war es Zeit für das Dessert, den Kakao, dessen Duftspur sich mal so und mal so mit dem jeweils nach Tageslaune bevorzugten Parfum verband.
Florian war etwas nervös, während er ihr aus der Zeitung vorlas. Über den Blattrand hielt er Ausschau, welche Zeichen ihm verschobene Stoffe an ihrem Körper geben könnten, was die Haut der Frau verraten mochte. Blanke Stellen ihrer Schenkel, ihres Bauches ... das konnten Signale sein.
Florian war eben an einer Doppelseite angelangt, die zwei Headlines aufdrängte, wonach Molli Bader berichtete: "Frau schoß auf den Geliebten: Opfer seither querschnittgelähmt", in weit größerer Aufmachung aber Peter Grotter kundtat: "Mann tötete Mutter seiner Töchter vor dem Kindergarten".
Florian las mit brüchiger Stimme: "`Da liefen Bilder in seinen Gedanken wie bei einer Zündschnur bis zur Explosion´, deutet der Verteidiger die Verantwortung des Angeklagten."
Die Frau nahm einen Schluck Kakao und machte eine müde Geste mit der freien Hand. "Wieder so ein Kerl, der seine Frau aus lauter Liebe umgehackt hat."
Florian war irritiert. "Wieso gehackt?"
"Schmeiß die Zeitung weg!" erwiderte sie.
Florian verstand es falsch und errötete verärgert, als sie sich in den Polstern zurechtrückte, die Augen schloß und
einschlief. [20/98]

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